Über den gesunden Menschenverstand

Teil 2 von 3 (4. Februar 2003):
Abstraktion – der Unterschied zwischen Speisekarte und Essen

Was ist eigentlich der Verstand? Was kann man damit anfangen? Hat Verstand was mit Verstehen zu tun? Und was ist das, was wir da verstehen, wenn überhaupt?

Unser Verstand ist im weitesten Sinne ein Symbolsystem, ein System von Schubladen, im Fachjargon auch Kategorien genannt. Wir sortieren in diese Schubladen Ähnlichkeiten hinein – je nach dem Sinn und Zweck unseres "Nachdenkens". Es ist dies die eine von zwei Möglichkeiten, unseren Verstand zu benutzen. Die zweite Möglichkeit besteht aus dem Absuchen unserer Schubladen nach Unterschieden der darin verstauten Symbole.

Der sogenannte "gesunde Menschenverstand" ist nichts weiter als die weitverbreitete Alltagslogik, mit der wir unseren Verstand betreiben, sozusagen das Standard-Betriebssystem unserer Denkmaschine. Diese Alltagslogik ist nicht daran interessiert, hinter die Dinge zu schauen, zu hinterfragen oder gar selber verborgene Zusammenhänge zu entdecken. Der "gesunde Menschenverstand" taugt gerade mal dazu, mit den Anforderungen des gewöhlichen Alltags zurecht zu kommen (und manchmal nicht mal das). Alles, was darüber hinaus geht, überfordert die Alltags-Logik.

Wenn wir einen Gegenstand wahrnehmen, tun wir dies nicht umfassend – wie schon im ersten Teil von mir angedeutet. Wir nehmen nur das an einem Gegenstand wahr, was uns nützlich für unsere Aufgabe, unseren Zweck erscheint. So nimmt der nach Sex gierende Mensch – um ein häufiges Thema bei Single.de anzuschneiden – eben nicht wahr, was hinter der tollen Fassade steckt, sondern nur die offensichtliche Verfügbarkeit des auf ein Sexobjekt reduzierten Gegenübers. Es genügen schon ein paar Einzelheiten, um die Schublade "da könnte was gehen" zu öffnen und alle damit zusammenhängenden Systeme (Hormonhaushalt etc.) in Gang zu bringen. Ebenso verhält es sich auch bei anderen Wahrnehmungen, wie z.B. beim Betrachten eines Baumes. Ein paar typische Merkmale, und wir denken unwillkürlich "Baum". Daß es keinen Baum ansich gibt, ist dabei den meisten nicht bewußt. Es gibt auch kein Sexualobjekt ansich, immer handelt es sich um Individuen, um einmalige Exemplare. Diese Art der oberflächlichen Wahrnehmung nennt man auch Abstraktion. In diesem Fremdwort steckt das Verb "abstrahieren", was auf deutsch "abziehen" bedeutet. Es wird das vermeintlich Unwesentliche abgezogen, um die ganze Sache handlicher zu machen, sozusagen aus praktischen Erwägungen und Bequemlichkeit heraus. Ein Indivuduum ist aber nur durch die Gesamtheit seiner – künstlich in Gedanken abgetrennten – Teile.

Abstraktionen sind im Prinzip Vorurteile und diese schränken den Gebrauch unseres Intellekts ziemlich ein. Es ist wie mit den Zähnen: wer immer nur Brei schluckt, dem fallen seine Zähne irgendwann aus. Oder mit den Muskeln: wer nur sitzt und sogar zum Zigarettenholen mit dem Auto fährt, kann bald nicht mehr laufen.

"Das bestürzende und naive Vertrauen, das zur abstraktiven Simplifikation gehegt wird, ist gespickt mit Verdrehungen und Verfälschungen. Die Manipulation des Scheins heißt: so tun als ob. Die Fiktion ist entweder eine bewußte Lüge oder wird als unbewußte Täuschung zumindest billigend in Kauf genommen. Der naive Wortaberglaube ist aber immer ein Mittel der Entfremdung. In einer objektiven Welt sind wir selbst als Subjekte nicht vorhanden." (aus: Laurent Verycken, "Formen der Wirklichkeit – Sprache")

"Im täglichen Leben können wir gerade das Haften an solchen Abstraktionen, das Blindwerden bei Menschen beobachten, die auf das abstrakte Denken schelten, die wenig denken, aber immerfort ihre gewohnten Abstraktionen für die Wirklichkeit halten." (aus: Karl Jaspers, "Psychologie der Weltanschauungen", Berlin/Heidelberg 1990, Seite 82)