24. Mai 2005
Plattform nicht dafür gedacht?
Sind Oberflächlichkeiten ein Muß?

"Es interessiert niemanden wirklich"
"Doch, aber für derlei tiefsinnige Betrachtungen ist diese Plattform hier eher weniger gedacht, die Mehrheit der User will oberflächlichen Spaß 24/7.."

(Damals, als ich diesen Artikel verfaßte, fühlten sich zwar nicht gerade viele, aber dafür ganz bestimmte User einer Single-Plattform von meinen gesellschaftskritischen Ausführungen belästigt und sahen ihre emotionale Ausgeglichenheit bedroht.)

Bedeutet die Bereitstellung von Diskussions-Kategorien außerhalb der Partnersuche nicht, daß – zumindest von Betreiber- bzw. Admin-Seite – auch anspruchsvolle Themen erwünscht sind? Das Problem ist doch viel eher die relative Fehl- und Nichtinformation der User-Mehrheit. Man möchte sich keine Blöße geben. Und man macht keine Punkte mit unpopulären Themen, geschweige denn mit unpopulären Ansichten. Ist aber nicht gerade das ein guter Grund dafür, vermehrt anspruchsvolle Aufsätze hier zu veröffentlichen?

Ich sehe es nicht so, daß diese Plattform nicht dafür gedacht ist, anspruchsvolle, vor allem aber auch authentische Darstellungen aufzunehmen. Im Gegenteil sehe ich alle, die in der Lage sind, Zusammenhänge sinnvoll darzustellen, in der Verantwortung, sich rege zu beteiligen. Diese Fähigkeit beinhaltet einerseits Formulierungskunst und andererseits Fachwissen. Letzteres eignet man sich durch Studien an, wie sie auch an Universitäten und Fachhochschulen betrieben werden. Auch dort wird das meiste durch Lesen erlernt.

Immer wieder fragen doch Menschen hier in Artikeln & Beiträgen nach Gründen, nach dem Warum, danach, was sie anders oder besser machen könnten. Und letztlich hängt doch die Situation jedes einzelnen nicht nur mit seiner persönlichen Entwicklung zusammen, sondern auch mit der Entwicklung seines Umfeldes, der Gesellschaft, in der er lebt, den dort herrschenden Freiheiten, Regeln und Tabus. Und dieses Umfeld wird wiederum von Menschen geprägt. Es ist ja nicht so, daß man diese Zusammenhänge nicht wenigstens annähernd durchschauen könnte. Doch dazu ist erweitertes Bewußtsein vonnöten, und hier beißt wohl der Hund in den gepfefferten Schwanz des Hasen (oder: der Affe im Menschen dominiert). Die Tatsache, daß allzu viele Leute Angst vor Tiefgründigkeit hegen, sagt doch nichts anderes aus, als daß sie am Leben mehr leiden als sich daran zu erfreuen. Ist denn das Interesse, weiteres Wachstum strikt zu verweigern, wirklich so heftig und stark, daß wir lieber lebendig verrotten statt uns weiter zu entwickeln? (Wahlbeteiligung in NRW knapp über 30% sagt schon mehr als genug hinsichtlich des Interesses an unserer Gesellschaft.) Der Spaß der Spaßgesellschaft ist doch sowas von oberflächlich und unbefriedigend, daß mir bis jetzt schleierhaft geblieben ist, wieso an dieser Oberflächlichkeit so hartnäckig festgehalten wird.

Stanislav Lem hat mit seinem SF-Roman "Orchideenblüte" sehr eindrucksvoll geschildert, wohin uns die virtuelle Realität einst führen wird – oder nimm "Schöne neue Welt" von Huxley, gepaart mit Orwellscher Überwachungs- und Kontrollsucht. Kaum jemand kennt solche Schriften! Lesen ist verpönt – als weltfremd und lebensfeindlich. Aber ist nicht vielmehr die moderne Lebensweise lebensfeindlich? Erzeugt sie nicht Millionen Alkoholiker, Tablettensüchtige, seelisch kranke & entmutigte Menschen? Ist diese scheinbare Bequemlichkeit nicht letztlich unser Untergang? Nicht heute, aber vielleicht morgen oder übermorgen? Wir können es uns wahrhaftig nicht mehr leisten, alles so weiterlaufen zu lassen wie bisher!

Grundlage eines wirkungsvollen Austausches über wichtige Lebens-Themen ist die Bereitschaft und Fähigkeit dazu. Daran mangelt's, und nicht nur ein wenig. Vielmehr werden die allermeisten Gelegenheiten, in denen Diskussionen zustande kommen könnten, zum Ausagieren charakterlicher Defizite mißbraucht. Zum Ausgleich der empfundenen Minderwertigkeiten werden überhöhte Selbstbilder projiziert, denen die einzelnen Projektanten niemals gerecht werden können. Das erzeugt weitere uneingestandene Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Die Wahrnehmung vermeintlicher Defizite bei anderen gebietet wiederum Abstand und Verachtung gegenüber denen, die nicht ständig Superlative zur Eigenbeschreibung verwenden oder die in der gesellschaftlichen Hierarchie "tiefer" stehen. Das Leben der meisten ist derart vergiftet von Anspruchsdenken, Habenwollen und Standesdünkel, daß eigentlich schon längst der Eiter durch die Straßen fließen müßte. Wir gebärden uns wie der Esel, dem eine Mohrrübe vor die Nase gebunden wurde, damit er den Karren zieht. Natürlich bemerkt der Esel das nicht, er wähnt sich auf dem Weg ins Paradies, und wird doch nur ins Elend entlassen, sobald ihm die Kraft ausgeht.

Soweit die Aggression biologisch in den Genen des Menschen vorgegeben ist, ist sie nicht spontan, sondern eine Verteidigung gegen die Bedrohung vitaler Interessen des Menschen, seines Wachstums und seines Überlebens als Individuum und als Art. Diese defensive Aggression war unter bestimmten primitiven Bedingungen relativ gering – als nämlich ein Mensch für den anderen noch keine Bedrohung darstellte. Inzwischen hat der Mensch nun aber eine außerordentliche Entwicklung durchgemacht. Es ist durchaus legitim, sich vorzustellen, daß er eines Tages den Kreis schließen und eine Gesellschaft aufbauen wird, in der sich niemand mehr bedroht fühlen muß: nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht. Dieses Ziel zu erreichen ist aber aus ökonomischen, politischen, kulturellen und psychologischen Gründen ungeheuer schwierig. Dazu kommt noch die Schwierigkeit, daß die verschiedenen Nationen auf der Welt Götzen anbeten – und verschiedene Götzen – und daß sie einander daher nicht verstehen, selbst wenn sie ihre jeweilige Sprache verstehen. Es wäre Torheit, diese Schwierigkeiten ignorieren zu wollen; aber die empirische Prüfung aller Daten zeigt, daß eine reale Möglichkeit besteht, in absehbarer Zukunft eine solche Welt aufzubauen, wenn es gelingt, die politischen und psychologischen Hindernisse zu beseitigen.

aus: Erich Fromm, "Anatomie der menschlichen Destruktivität", im Epilog über die Zwiespältigkeit der Hoffnung

Doch statt sich der eigenen Weiterentwicklung zu widmen, verharren die meisten Menschen in den modernen Gesellschaften im Nichtstun und Zeittotschlagen. Was bringt es, sich ständig abzulenken, ständig auszuweichen? Nichts anderes als das zunehmende Gefühl eines nicht gelebten Lebens: Langeweile, innere Leere, Sinnlosigkeit und Lebensunlust. Was uns fehlt, ist tatsächlich Verbundenheit mit anderen. Wir sind nicht motiviert, uns mit anderen zusammenzutun, weil wir gelernt haben, den Anderen als Bedrohung zu deuten und zu erfahren. Vielfach wurde schon behauptet, daß es eine Menge Bekloppte und Gestörte gibt, denen man sich nicht aussetzen möchte. Dagegen wird aber häufig bestritten, daß sich die geistige und seelische Gesundheit der Bevölkerung auf dem absteigenden Ast befindet. Doch vor allem hält sich jeder im Verhältnis zu den "Gestörten" für richtig und gesund – ein wirksamer Schutz vor der Erkenntnis eigener Defizite.