8. Dezember 2006
Konstitution der Gesellschaft VIII
Schwarze Pädagogik und Dummheit

Die Überzeugung, daß Eltern immer Recht haben und jede – bewußte oder unbewußte – Grausamkeit Ausdruck ihrer Liebe sei, bleibt so tief im Menschen und vor ihm verborgen, weil diese Überzeugung in Verinnerlichungen der ersten Lebensmonate gründet, also in der Zeit vor der Trennung vom ersten Objekt der Liebe.

Noch immer operiert der Erziehungsstratege in unserem Land mit dem Schock von Schuld- und Vergeltungsangst. Nicht die Einsicht dominiert das Verhalten, nicht eigene Wertbegriffe und Selbstkontrolle, sondern von außen auferlegte Disziplin, die mit der Angst vor Strafe das zu erreichen sucht, was der fortschrittliche Mensch durch den Einsatz seines Bewußtseins regelt. Kann ein echtes Selbstverständnis unter solchen Bedingungen überhaupt entstehen? Eine Umgebung, welche die Ich-Entwicklung des jungen Menschen hemmt und ihm stattdessen genormte Reaktionsweisen einbleut, um ihn frühzeitig zu sozialisieren und handlich zu machen, hat keinen Platz für Eigenständigkeit und echte Selbstentfaltung. Somit entwickelt sich auch nichts, was die Bezeichnung "Selbstverständnis" tatsächlich verdienen würde: Das Verständnis der eigenen Existenz beschränkt sich meist auf die Kenntnis

Das sogenannte Selbstverständnis des heutigen Menschen beruht daher weitgehend auf Verständnislosigkeit für die eigenen seelischen Abläufe und Zusammenhänge – und erst recht für die anderer Menschen.

Die herkömmliche Erziehungsstrategie stellt gewissermaßen einen Reflex der Leistungsgesellschaft dar, der sich im jeweiligen Erzieher in der Abarbeitung am Kind ausdrückt. Wenn wir uns die absolutistisch versteinerten sozialen Imperative – das keinen Widerspruch duldende gesellschaftliche Sollen – der üblichen Aufzuchtprozedur vergegenwärtigen, mit denen die Kinder in der "strahlenden Intelligenz" (S. Freud) ihres Neugierverhaltens in ihren unbefangenen Lusterlebnissen rigoros eingeschüchtert und unreflektiert überwältigt werden ("das darf man nicht", "das tut man nicht", "das gehört sich nicht", "das soll man nicht"), so ist es nicht übertrieben, von einer "Angstdressur" zu sprechen, die auf dem Wege äußerer Bedrohung und verinnerlichter Gefahren darauf abzielt, in ständiger Reproduktion autoritärer Fremdbeherrschung die Ich-Entwicklung des jungen Menschen zu hemmen und ihm genormte Reaktionsweisen einzuimpfen, die ihn frühzeitig sozialisieren und bequem machen.

In der Unlust der Erwachsenen, die mühsame Konfrontation mit sich selbst zu suchen und die gesellschaftliche Präformierung ihres Gewissens wie ihrer blinden Eigenreaktionen zu überdenken, hat die Tradition der social control ihren dauerhaften und wirkungsvollen Stützpunkt. Denn das Bewußtsein, das der Erzieher von der Wirklichkeit hat, sein Wertkodex, den er ohne kritische Selbstwahrnehmung in starrer affektiver Autoritätsforderung dem Kind einpflanzen möchte, ist gesellschaftlich induziert und an die bestehenden Herrschaftsverhältnisse gebunden. Die Techniken der social control reichen zu tief in das Bewußtsein der angepaßten Eltern, als daß sie einfühlend respektieren könnten, was des Kindes eigener Wille wünscht. Die Moral des Guten und des Bösen – die den Eltern so leicht über die Lippen kommt, wenn sie ihre vorfabrizierten Leitbilder und ihre genormten gesellschaftlichen Erfahrungen dem Kind als hilflosem Untertan aufnötigen, damit es nach dem Ebenbild der seelisch deformierten Eltern werde – enthält das ganze Elend ihrer verinnerlichten Unterdrückung.

Das Ideal der deutschen Kinderstube liegt wohl auch heute noch mehr beim "braven" Musterknaben mit diszipliniert gebeugtem Nacken statt beim selbstbewußt denkenden Kind, das sich kritisch und neugierig fragend den Zugang zu seiner Wirklichkeit erobert. Kritische und selbständige Denkversuche des Kindes werden meist unterdrückt, bestraft, als unerwünscht wahrgenommen und als böse bezeichnet. Im durchschnittlichen Erziehungsklima der repressiven Gesellschaft überwiegt die Tendenz, das Kind in einem auf prinzipielles Gehorchen zugeschnittenen Gewaltakt ohne einfühlende Führung seiner Triebneigungen zur Marionette ichfremder kollektiver Rollenvorschriften zu zähmen. In der ungeduldigen Frage nach Gehorsam, die nicht durch Fragen nach Wieso und Warum aufgehalten werden darf ("Du tust das, weil ich Dir das sage!"), lernt das Kind unter Tabu-Begründungen und Angstdruck seine Triebbedürfnisse nur zu unterdrücken, nicht aber, sie denkend und sich in sein Gegenüber einfühlend gelöst zu beherrschen.

Zur Angstabwehr ist das kleine Kind bereits zu großen Anpassungsleistungen – zur Wiederholung bestimmter defensiver Verhaltensweisen – gezwungen. Die mit dem Erlebnis der Angst gekoppelten Versagungen und bedrohlich sich steigernden Bedürfnisspannungen werden von dem Kind mit Verboten assoziativ verknüpft und in sein seelisches Leben als regulierende Instanzen aufgenommen. Es bildet in einem starren Über-Ich ein gesellschaftliches Gewissen, in dem es eine Moral wider seine eigenen Bedürfnisse verinnerlicht: "Wenn ich zu erkennen gebe, was ich wirklich will, mögen sie mich nicht mehr, also vergesse ich das, was ich wirklich will, und gewöhne mir an, nur das zu wollen, was ich wollen darf und soll – und alles nur, damit sie mich liebhaben."

Je weniger Ermutigung der junge Mensch dann in seinen reiferen Ich-Leistungen erfährt, desto mehr ist er gehalten, seine Libido* aus dem unlustweckenden Bereich kritischer und selbständiger Realitätsprüfung zurückzuziehen, um dann später auch als Erwachsener ängstlich auf Einhaltung der Vorschriften bedacht, in den kollektiv bereitgestellten Abwehrmechanismen des Vorurteils, der Projektion, der Verleugnung und des Tabus auf Infantilformen des Umgangs mit der Welt zurückzugreifen. Diese erzwungene Entwicklungsrichtung zielt auf eine Symbiose von persönlichem und sozialem Ich – auf eine Überlagerung der kritischen Ich-Anlagen (der Fähigkeit zu kritischem Denken) durch ein Unterwürfigkeit und Gehorsam verlangendes Über-Ich, das wegen der Rückläufigkeit der individuellen Ich-Entwicklung zunehmend einen terroristischen Charakter annimmt. Das schlägt sich in verschärfter Erstarrung der ich-schwachen Persönlichkeiten (Prinzipienreiter) nieder – eine Erstarrung, die man hierzulande Charakter nennt und als förderlich für Karriere und gesellschaftlichen Erfolg schätzt.

Ohne die Möglichkeit zur dialektischen Auseinandersetzung zwischen erstarkendem Ich und Über-Ich vermag das Individuum kollektiv gesichertes Verhalten jedoch nicht kritisch zu überprüfen. Es unterliegt blind der herrschenden gesellschaftlichen Moral, ohne eine eigene zu entwickeln und sich selbst und seine Gesellschaft an ihr zu messen. Es ist diese Starrheit des Über-Ichs, die das Individuum in Konformismus treibt und sein falsches Bewußtsein hervorbringt, an das die Manipulation der repressiven Gesellschaft mühelos anknüpfen kann. Es ist seine Ich-Schwäche, die das Individuum in Unwissenheit und Angst hält, die es dazu verleitet, vorbestimmte Teile seiner und der umgebenden Realität zu leugnen und in gelernten angstmindernden Reaktionsweisen abzuwehren. Der Umstand, daß der Herr verinnerlicht ist, läßt den Knecht die schmerzhafte Dressur vergessen und seine Freiheit "selbstbewußt" besingen.

Die Dummheit des guten Gewissens

Oft ist es gerade das moralische Überlegenheitsgefühl, das Dummheit befördert. Mit der Grenzziehung zwischen dumm und intelligent ist ein Gefühl moralischer Überlegenheit verknüpft. Begreift man Dummheit als unreflektierte Denkgewohnheit, als bequeme, weil konfliktvermeidende und energiesparende Gewohnheit, Probleme abzuhaken und weiter als einfache Möglichkeit, sich von seelischen Spannungen zu befreien, indem man diese anderen aufbürdet, wird hier eine wesentliche Grundlage für die weltweite Verbreitung von der "Dummheit des guten Gewissens" deutlich.

Das Schnelldenkertum der fast-thinkers

Wer praktisch denkt, kann sich nur ein gewisses Maß an Nachdenklichkeit erlauben. Darüber hinaus wäre er nicht mehr handlungsfähig. Die alltägliche Konversation in Gemeinplätzen sichert darum eine Welt, die stillschweigend für selbstverständlich gehalten wird. Die Typisierungen des Alltagslebens werden als gesellschaftlich bewährt erlebt. Das abstrakt-allgemeine Denken beruhigt und spendet ein trügerisches Gefühl von Geborgenheit.

Für die beschleunigte Kommunikation, wie sie z.B. in TV-Diskursen der Masse vorgeführt wird, eignen sich ebenfall nur noch Gemeinplätze. Intelligenz braucht ihre Zeit zur Entwicklung, doch Dummheit und Verdummung sind schneller. Die Zeitersparnis beruht auf ihrer Möglichkeit, Legitimität und Glaubwürdigkeit durch die Herstellung von Serien des Identischen herzustellen. So stellt eine gewisse Form der Schlagfertigkeit, die sich abgedroschener Phrasen bedient, um stets das erste und das letzte Wort zu haben, nichts anderes als roboterhaft wiederholtes Abwehrverhalten dar, quasi ein monotones Herunterbeten von auswendig gelernten Bannsprüchen, die den betroffenen Verstand daran hindern sollen, auf unerwünschte (tabuisierte) Gedanken zu kommen. Wenn man einen Gemeinplatz von sich gibt, gelingt die Kommunikation scheinbar augenblicklich, weil sie in gewisser Hinsicht gar nicht stattfindet. Der Austausch von Gemeinplätzen ist eine Kommunikation ohne anderen Inhalt als eben den der Kommunikation und häufig auch den der gegenseitigen Gesinnungsprüfung und -versicherung. "Man kann wetten, daß jede öffentliche Meinung, jede allgemeine Konvention eine Dummheit ist, denn sie hat der großen Masse gefallen." schreibt Gustave Flaubert in seinem "Wörterbuch der Gemeinplätze" (ISBN 3-492-23016-4).

Selbstverständlich möchte ich nicht behaupten, daß der Massenmensch dumm wäre. Im Gegenteil, der heutige durchschnittliche Industrielandbewohner hat gewöhnlich größere intellektuelle Fähigkeiten als Menschen der Vergangenheit. Doch diese Fähigkeiten bringen ihn nicht wirklich weiter. Denn sein undeutliches Bewußtsein dieser Fähigkeiten verleitet ihn nur zu häufig dazu, sich noch hermetischer in sich zu verschließen und sich die Anwendung seines kritischen Verstandes noch energischer zu verbieten. Den Wust von Gemeinplätzen, Vorurteilen, Gedankenfetzen oder schlechtweg leeren Worten, den der Zufall in ihm aufgehäuft hat, spricht er ein für allemal heilig und probiert mit einer Unverfrorenheit, die sich nur durch ihre Naivität erklärt, diesem Unwesen überall Geltung zu verschaffen.

* Moderne Auffassungen des Libido-Begriffs sehen ihn analog zu Begriffen wie dem fernöstlichen Chi oder Prana – als eigentliche und einzige Lebensenergie, als die Lebenskraft schlechthin – im Gegensatz zur Einschränkung des Libidobegriffs allein auf den Sexualtrieb, wie er einst von Freud konzipiert wurde.