23. Januar 2006
Über den autoritären Charakter III
Einige Bemerkungen zu meiner Intention, das sozialwissenschaftliche Konzept des autoritären Charakters ins Bewußtsein des Lesers zu rücken

Diesen Artikel möchte ich als Plädoyer für die Eigenständigkeit des Individuums und gegen die Unterdrückung seiner natürlichen Impulse verstanden wissen.

Wie Martin Herzog in seiner vortrefflichen Beschreibung des Autoritätsbegriffs aus dem Buch "Father-Land, The Study of Autoritarianism in the German Family" von Bernd Schaffner zitiert, stellte sich die Reproduktion des autoritären Charakters im vergangenen Jahrhundert folgendermaßen dar:

Diese Strukturen herrschen noch immer größtenteils vor, wenn auch teilweise abgemildert durch einige Veränderungen in der Erziehungspraxis, welche die innerfamiliäre Reproduktion des autoritären Charakters auf andere charakterliche Deformationen verschieben, wie sie u.a. in den Begriffen des "lebensfeindlichen" Technik-Liebhabers (nekrophil) bzw. denen des homo consumensis, des idealen Konsumenten, zum Ausdruck kommen. Dennoch läßt sich konstatieren, daß die grundlegende Struktur des Unterwerfungsreflexes noch immer in den meisten heute lebenden Menschen vorhanden und wirksam ist. Einen Beleg für diese Behauptung sehe ich in dem häufig zu lesenden Aufruf nach mehr Kontrolle, nach mehr Repression, nach mehr Autorität und in dem Vorwurf an die – größtenteils jedoch falsch verstandene – sog. anti-autoritäre Erziehung, für die Zunahme der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen verantwortlich zu zeichnen.

Aber auch in der relativen Seltenheit, in der couragiertes Verhalten in der Öffentlichkeit auftritt, in dem nur gelegentlich zu beobachtenden Wagnis, sich eine eigene Meinung gegen den Mainstream zu erarbeiten und öffentlich zu vertreten, in der Denkfaulheit und ökonimischen Ängstlichkeit wie auch im ansteigenden Suchtverhalten des heutigen Menschen vermeine ich genügend Anhaltspunkte dafür zu entdecken, die fortlaufenden Wirkungen des Unterwerfungsreflexes, der Entfremdung und der damit einhergehenden Entmenschlichung als real zu bewerten. Nicht zuletzt liefern die in den Diskussionen zahlreicher Internetforen täglich feststellbaren Auswüchse hauptsächlich autoritären Gebarens (Unterdrückung vom Mainstream abweichender Meinungen, Pathologisierung verständnisvoller Menschen, egomanischem Konkurrenzgebaren, Beharren auf dem Prinzip des Stärkeren, narzistischem "fishing for compliments", die Benutzung von denunzierenden Worten wie "Weichei" und "Warmduscher" usw.) ein beredtes Zeugnis für die allerorten anzutreffende Existenz des autoritären Charakters.

Die Anzeichen für die grundlegende charakterliche Unreife der heute lebenden Individuen sind mannigfaltig, gelten aber als normal und so dem Menschen als natürlich eignend, woraus sich mir die immensen Widerstände gegen solche Behauptungen, wie ich sie hier und an anderer Stelle aufzustellen wage, erklären. Diese Unreife kommt ebenfalls in der größtenteils fehlenden Fähigkeit zu rationaler Konfliktbewältigung zum Ausdruck. Konflikte werden heute oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern mittels Projektion, Euphemismen, Wortverdrehungen usw., was auf eine symbolische "Lösung" hinausläuft, hinweggewünscht und hinwegerklärt. Der Konflikt bleibt bestehen, wird aber verdrängt, indem man ihn in die schon bis zum Rand mit ähnlichem "Müll" angefüllten Bereiche des Unbewußten verbannt. Der bequeme Wohlstandsmensch möchte sich nicht mit Konflikten befassen, schon gar nicht mit denen, die in seinem unmittelbaren Umfeld auftreten und ihn in seinem bequemen Selbstverständnis infrage stellen könnten. Auch wenn es vereinzelt Firmen gibt, deren Führungspersonal sich täglich in moderner Konfliktbewältigung übt, so ist doch der allergrößte Teil der arbeitenden Bevölkerung nach wie vor täglich längst überholten autoritären Strukturen ausgesetzt, die für eine tägliche Erneuerung und Fixierung des Unterwerfungsreflexes verantwortlich zeichnen.