20. Januar 2006
Über den autoritären Charakter II
Wie und weshalb entwickelt sich der autoritäre Mensch?

In diesem Artikel werde ich versuchen, wenigstens in Umrissen das heutige psycho-soziologische Verständnis des Autoritäts-Begriffs wiederzugeben. Ich möchte mir dabei klarwerden, wie sich das, was mit dem Wort "Autorität" bezeichnet wird, aus einzelnen Individuen ableitet und sich in deren Selbstverständnis fügt, diesem entspringt und/oder dadurch geprägt ist.

Gedanken, die wir uns beispielsweise über gesellschaftliche Phänomene machen, stellen Modelle der Wirklichkeit dar, die uns helfen sollen, diese täglich erlebte Realität zu verstehen. Durch modellhaftes Denken, das bestenfalls alles, was auf ein gegebenes Phänomen Einfluß ausübt, berücksichtigt, versuchen wir, Zusammenhänge herauszufinden, die in ihrem Zusammenwirken zum untersuchten Phänomen führen. Dagegen stellt das unkritische Übernehmen weitverbreiteter Annahmen, wie beispielsweise "der Mensch ist eben so, punkt aus!", oder "der Mensch ist ein Raubtier, wir verdienen es, auszusterben" kein eigenständiges Denken dar. Solch unkritisches Übernehmen einer Meinung hat im Alltag durchaus seine Berechtigung, weil es uns hilft, uns dringenderen Aufgaben zuwenden zu können. Wer sich also durch meine Ausführungen in seinen Alltagsaufgaben gestört fühlt, dem sei empfohlen, hier nicht weiterzulesen ...

Der Säugling empfindet Liebe zu seiner Mutter als vorläufig einzige Quelle seiner Lust: Sie versorgt ihn mit Nahrung, Wärme, Zuwendung, was vom Säugling als lustvoll empfunden wird. Diese Beziehung führt zu einer psychisch-affektiven Bindung an die Mutter. Die dunkle Seite dieser Münze besteht in der Tatsache, daß dem Säugling auch jedes Gefühl der Unlust als von der Mutter ausgehend erscheint, da er noch nicht wirklich zwischen sich und anderen unterscheiden kann. Die daraus entstehende Frustration erzeugt eine gegen die Mutter gerichtete reaktive Aggressivität. Diese unvermeidbaren Gefühle der Unlust stellen einen notwendigen Schritt im Reifungsprozeß des Säuglings dar, solange sie sich in bestimmten Grenzen halten.

In diesem nur rudimentär dargestellten Vorgang liegt die Ursache des menschlichen Schuldgefühls verborgen: es ist die Angst des Säuglings, die Liebe und Zuwendung der Mutter zu verlieren. Weil in der archaischen Welt des Säuglings Phantasie und Wirklichkeit noch nicht unterschieden werden, bedeuten ihm ein zu langes Abwenden der Mutter wie auch der Mutter gegenüber empfundene Aggression ihre Vernichtung bzw. ihren Verlust. Das menschliche Schuldgefühl wächst aus der Angst vor Liebesentzug: Frustration des Subjekts – Aggressivität gegen das Objekt – imaginierte Vernichtung des Objekts – Angst vor Liebesentzug – Schuldgefühl. Diese Vorgänge zwischen Aggressivität und Schuld stellen natürliche und unvermeidbare Schritte zur Heranreifung des Kindes dar. Überschreitet der Frust des Säuglings bzw. des Kleinkinds jedoch eine gewisse Schwelle und Häufigkeit, beginnt sich in diesem Menschen ein permanentes Schuldgefühl mit all seinen Erscheinungen wie z.B. erhöhter Aggressionsbereitschaft durch ständige Angst zu etablieren: es wird verinnerlicht und so unerreichbar durch die sich später entwickelnde Vernunft.

Eine noch heute in weiten Kreisen der Bevölkerung übliche Erziehungspraxis nützt diesen oben beschriebenen Verhaltenskomplex des Kindes aus, das Kind zur Unterwerfung unter die Autorität der Erwachsenen zu abzurichten. Das Resultat einer solchen Konditionierung ist eine Dressur, als deren Folge sich das Kind später als Erwachsener allen, die Autorität repräsentieren, quasi automatisch unterwirft. Es entsteht ein sog. Unterwerfungsreflex, der sich dem kritischen Bewußtsein des späteren Erwachsenen meist fast vollständig entzieht. Mit anderen Worten: Die Wurzeln dieses Schuldgefühls bildeten sich zu früh, um später sprachlich erfaßt werden zu können. Dazu kommt noch die starke, fast vollständige Verdrängung solcher inneren Strömungen, die erstmal nicht erklärt werden können. Ein derart konditioniertes Kind wird später zu einem sich selbst entfremdeten Erwachsenen. Die Pawlowsche Konditionierung stellt den Kitt aller hierarchisch strukturierten Gesellschaften dar. (Pawlow)

Der bei diesem Schuldgefühl hauptsächlich wirksame Anteil entspricht der Drohung mit Liebesentzug. Diese Drohung wird häufig schon beim Säugling und beim Kleinkind wirksam angewandt, um ihn zum gewünschten Verhalten zu konditionieren. Unterwirft sich das Kind nicht, gibt der Erwachsene seine Mißbilligung zu erkennen, indem er dem Kind zeigt, daß er es nicht mehr liebhat, wenn es nicht gehorcht. Auf diese Weise wird das Kleinkind, noch ehe es sprechen und laufen gelernt hat, Selbstbehauptung und Liebesverlust zu einer schier unlösbaren Assoziations-Einheit verbinden. Wenn man sich ausmalt, daß der Erwachsene für das Kind das Leben schlechthin bedeutet, begreift man die enorme Wirksamkeit dieses Vorgangs.

Das Kind kann sich so nicht auf eine natürliche Weise zu einer selbständigen Persönlichkeit entwickeln. Die Angst, die Liebe der Erwachsenen zu verlieren, wird von den letztgenannten sorgfältig genährt und verstärkt, bildet sie doch das einzige Druckmittel, das dem Erwachsenen zur Machterhaltung über das Kind verfügbar scheint. Diese Angst wird zu einer unauslöschlichen Prägung im so behandelten Kind und bleibt ihm daher auch als Erwachsener ein Leben lang erhalten. Sie beeinflußt sein ganzes weiteres Leben, seine künftige Entwicklung. Sie wird zu einer anachronistischen – weil mit den realen heutigen Umständen nicht in Zusammenhang stehenden – und als archaisch empfundenen Angst. Sie bildet die psychisch-affektive Grundlage, auf der das Phänomen der Autorität beim Erwachsenen beruht.